Homeoffice – aber bitte richtig

Arbeiten im Homeoffice ist für viele Selbstständige, junge Unternehmer aber auch Arbeitnehmer das Gebot der Stunde. Dass die Arbeit zuhause funktioniert, ist von vielen Faktoren abhängig, die meisten davon können wir selbst beeinflussen. Darüber, und wie man das Konzept Homeoffice erfolgreich bewältigt, haben wir mit Martin Wischmann gesprochen.

Martin Wischmann ist Trainer, Berater und Coach für Mitarbeiter und Unternehmer. Er selbst bezeichnet sich als Spezialist für nachhaltige „Mensch“-Entwicklung. Als ehemaliger Head of HR war er zuständig für das Arbeitgeberbranding, Recruiting und die Personalentwicklung im stationären Handel.

Normalerweise hätten wir dieses Gespräch im Cowork Nord Space im Schwentinental geführt. Da aber diese Tage nur wenig normal ist, haben wir Martin telefonisch – im Homeoffice, wo auch sonst – erreicht.

 

Martin, danke für deine Zeit! Du bist Familienvater und entsprechend eingebunden. Sehr viele Menschen arbeiten zurzeit von zuhause. Ist produktives und entspanntes Arbeiten in den eigenen vier Wänden ein Selbstgänger?

(Lacht) Nein, auch wenn man das erst Mal denken könnte. Besonders Arbeitnehmer diskutieren oft mit ihren Arbeitgebern über die Möglichkeiten des Homeoffice. Jetzt, wo es plötzlich möglich, beziehungsweise sogar obligatorisch ist, stellen viele fest, das ist ja gar nicht so einfach, wie ich dachte. Es gibt Dinge, die man unbedingt beachten muss, damit der Traum vom Homeoffice nicht zum Alptraum wird.

Ok, was sind denn die Grundvoraussetzungen?

 Da sind natürlich grundsätzliche Dinge, wie ein stabiles W-Lan, eine Telefonverbindung und vielleicht ein Drucker. Ich bin z.B. ein haptischer Mensch, der ein Dokument gerne ausgedruckt in der Hand hält. Das ist aber persönlicher Geschmack.

Man sollte unbedingt ein ruhiges eigens Zimmer zur Verfügung haben. Wenn man in der Küche arbeitet, wo parallel gekocht wird und Kinder umherspringen, wird die Arbeit garantiert nervig oder auch unmöglich. Ich muss dann zu viele Rollen bedienen, z.B. als Vater, Küchenhilfe, Heimwerker oder ähnliches. Das funktioniert aber nicht.  Gegebenenfalls muss man kreativ sein, und sich eine Arbeitsecke, z.B. im Schlaf- oder Gästezimmer einrichten, in der man nicht gestört wird. Besonders jetzt ist es wichtig, das mit der Familie oder allen anderen Mitgliedern der Wohngemeinschaft abzusprechen.

Ist bei der Kommunikation Videotelefonie, z.B. via Skype, Facetime oder Zoom zu bevorzugen, damit man die Kollegen bei Gesprächen vor Augen hat?

 Das ist eine gute Frage und nicht pauschal zu beantworten. Es gibt Menschen, die wollen die Reaktion ihres Gesprächspartners sehen, um zu beurteilen, ob dieser z.B. Zustimmung oder Ablehnung signalisiert. Das kann in machen Situationen hilfreich sein. Außerdem kann es schön sein, wenn man alleine zuhause arbeitet und wohnt, andere Menschen, wenn auch nur auf dem Bildschirm, zu sehen. Das gib ein Gefühl der Nähe.

Ich persönlich bevorzuge ein normales Telefongespräch, da mich ein Bild eher ablenkt. Es gibt aber noch andere wichtige Punkte, die man dabei beachten muss. Was zeige ich meinem Gesprächspartner? Nicht jeder Applikation, wie Windows Teams z.B., hat die Funktion den Hintergrund unscharf darzustellen. Das bedeutet ich zeige mein Zuhause und muss mir vorher überlegen, was ich da zeige. Gilt ein Chef als pedantisch und penibel, kann es seinem Ansehen durchaus schaden, wenn sein Zuhause wie Kraut und Rüben ausschaut. Das gilt genauso für jeden anderen, der seine eigenen vier Wände zeigt, und damit etwas von seiner Persönlichkeit preisgibt.

Die Kommunikation zwischen Arbeitgeber und -nehmer ist beim Homeoffice durchaus anders, als wenn man sich am Arbeitsplatz trifft. Gelten für das Homeoffice besondere Regeln?

 Ja, die Führungskräfte sind besonders gefragt, was Motivation und Vertrauen angeht. Dem Mitarbeiter muss das Gefühl gegeben werden, dass seine Arbeit zuhause genauso produktiv und wichtig ist und er sich nicht überwacht fühlt. Wenn ein Chef regelmäßig anruft, um zu kontrollieren ob sein Mitarbeiter auch wirklich vor Ort ist und seine Aufgaben erledigt, kann das schnell Stress erzeugen und so tatsächlich dazu führen, dass die Arbeit unproduktiver wird. Es ist wichtig Signale zu senden, dass man dem Mitarbeiter vertraut. Die richtige Unternehmenskultur ist hier von besonderer Bedeutung. Homeoffice für die Angestellten verlangt somit auch von den Unternehmen und Führungsetagen besondere Leistung.

Gibt es auch Regeln oder Routinen, die man sich Homeoffice selbst auferlegen sollte?

 Definitiv! Einen Arbeitstag zuhause sollte jeder so angehen, wie einen Arbeitstag am regulären Arbeitsplatz. Das beginnt bei der morgendlichen Routine und damit, legere ausgedrückt, dass ich nicht verloddere. Ich ziehe mich persönlich im Homeoffice an, wie sonst auch, sprich mit einem frischen Hemd. In Boxer Shorts oder Jogginghose kann man schnell den Fokus verlieren, auch oder gerade, weil es so bequem ist. Und spätestens bei einer Videokonferenz kann es richtig peinlich werden. Das gilt natürlich auch, wenn man ungeduscht oder ungepflegt wirkt.

Grundsätzlich gilt es sich auf einen möglichst normalen Arbeitsalltag einzustellen und einzurichten. Besonders wichtig sind da auch feste Zeiten. Das gilt für die Arbeitszeit genauso, wie für Pausen. Ein großer Fehler, der für Unzufriedenheit und Stress sorgen kann, ist es z.B. erst später anzufangen, dann aber bis in die Abendstunden zu arbeiten. Da kann, sprichwörtlich, einem recht schnell die Decke auf den Kopf fallen! Also gilt es sich feste Arbeitszeiten und auch den Feierabend zu bestimmen. Auch Pausen! Eine Stunde Pause für eine gute Mahlzeit und Zeit an der frischen Luft steigert das Wohlbefinden und die Produktivität. Nach einer Pause entwickelt man frische Gedanken und neue Energie. In dieser Zeit kann man auch gerne das Handy und Rechner ausschalten. Das muss dann natürlich mit den Kollegen kommuniziert werden. Wem es schwer fällt abzuschalten, der sollte sich unbedingt zu Pausen zwingen. Für die Arbeit zuhause sind Rituale, Disziplin und eine definierte Arbeitskultur hilfreich und notwendig. Die Arbeitskultur geht vom Arbeitgeber aus, es geht, wie gesagt, um Motivation und Vertrauen. Für die Rituale bzw. Routinen und die Disziplin ist jeder selbst verantwortlich.

Nach dieser zwanghaften Testphase des Konzeptes Homeoffice, wird sich das Arbeiten von zuhause in Zukunft – auch nach der Corona-Pandemie- mehr zur Normalität?

 Wir wissen, dass mobiles Arbeiten viele Vorteile mit sich bringt, was die Flexibilität im Job betrifft. Dazu kommen viele andere positive Effekte, wie die Entlastung der Straßen und der Umwelt durch weniger Pendler-Verkehr. Deshalb wird sich Coworking weiterverbreiten, es vereint das Beste aus zwei Welten. Ich sitze nicht den ganzen Tag zuhause, muss aber auch nicht jeden Tag in die Büroräume meines Arbeitgebers pendeln. Außerdem kann ich mich mit anderen Menschen austauschen, und bekomme regelmäßig Input – sowohl beruflich als auch privat.

Martin, vielen Dank für das Gespräch. Wir freuen uns schon wieder auf die geminsame Zeit mit dir im Coworking Space.